Technische Eingriffe/Störungen


Die ursprünglichen Wildrentiergebiete in Norwegen ließen sich in 4 große Hauptregionen einteilen. Die Tiere in diesen Regionen haben vermutlich in beträchtlichem Ausmaß zwischen den einzelnen Gebieten gewechselt. Die Regionen sind Gebiete mit deutlichen klimatischen Unterschieden von Westen nach Osten und von Süden nach Norden. Die milden und niederschlagsreichen Küstengebiete waren sowohl attraktive Setzgebiete als auch Frühjahrs- und Sommerweiden, während die kalten und niederschlagsarmen Gebiete im Inland gute Winterweiden mit wenig Schnee und großen Vorkommen an Flechten waren.

Die Region Dovre/Rondane ist ein gutes Beispiel für einen ehemaligen zusammenhängenden Lebensraum mit einem deutlichen Ost/Westgradient. Früher waren die östlichen Teile dieser Region (Rondane, Sølnkletten und Knutshø) wichtige Winterweiden, während die westlichen Gebiete (Dovrefjell und Trollheimen) Frühjahrs- und Sommerweiden waren.

 

Heute finden wir eine ganz andere Situation vor. Aufgrund der Eisenbahnlinie und der Europastraße 6 über Dovre haben die einstigen Wanderungen der Rentiere zwischen Osten und Westen aufgehört. Hinzu kommt, dass eine Reihe anderer Eingriffe und Störungen zu einer Einteilung (Fragmentierung) der ursprünglichen Dovre/Rondane-Region in 7 mehr oder weniger getrennte Gebiete geführt hat.

 

Die Wanderungen des Wildrentiers sind seine beste Art, sich zu schützen. Zu dem natürlichen Wanderverhalten des Rentiers gehört, dass es stets zu neuen und besseren Weiden wandert, um das ganze Jahr über weiden zu können. In der heutigen Zeit, in der Infrastruktur und menschliche Aktivitäten die einstigen Wanderstrecken sperren, erhält das Wildrentier weniger Gelegenheit zu solchen Wanderungen.

                              

Dies gilt für alle 4 ursprünglichen Regionen in Norwegen. Daher gibt es heute 23 mehr oder weniger getrennte Wildrentiergebiete auf dem norwegischen Festland.

Wir unterscheiden heute zwischen mindestens vier unterschiedlichen Einwirkungen im Zusammenhang mit technischen Eingriffen und Störungen:

Flächenverlust als Folge von Eingriffen

Dies sind Einwirkungen, die direkt mit dem entsprechenden Eingriff verbunden und oft von begrenztem Umfang sind. Ausnahmen hierbei sind physische Eingriffe, die große Flächen decken oder Eingriffe, die eine Barriere schaffen. Beispiele für derartige Einwirkungen, die für die Wildrentiere Folgen haben können, sind Wasserreservoire in besonderen Weidegegenden oder Hüttengebiete, die wichtige Wanderwege des Wildrentiers unterbrechen.

 
Physiologische und verhaltensmäßige Reaktionen bei Einzeltieren

Derartige Einwirkungen sind bei einer Reihe von Arten dokumentiert worden, meist in Verbindung mit experimentellen Untersuchungen, bei denen die Tiere verschiedenen Stimuli ausgesetzt wurden. Diese Einwirkungen werden direkt durch eine spezifischen Störung verursacht und nehmen häufig nach kurzer Zeit ab.  Ein Beispiel dafür ist gesteigerter Stoffwechsel und reduzierte Zeit für die Futtersuche aufgrund der Nähe von Menschen.

 

Einwirkungen, verursacht durch Barrieren

Diese Einwirkungen können bei umfassenden Eingriffen in den Lebensraum oder durch das Bauen von längs verlaufenden Hindernissen, die die gewöhnlichen Wanderungen der Tiere zwischen den einzelnen Gebieten behindern, auftreten. Straßen, Eisenbahnlinien, Hochspannungsleitungen oder Pipelines sind Beispiele für derartige Eingriffe. Ein reduzierter Austausch von genetischem Material, eine Änderung der Weidenutzung oder ein geänderter Zugang zu wichtigen Saisonweiden oder wichtigen Habitats (z. B. Setzgebieten) sind biologische Einwirkungen als Folge derartiger Barrieren.

 

Gesamteinwirkung derartiger Störungen und Eingriffe

Die Summe derartiger Störungen, Eingriffe und Einschränkungen in der natürlichen Umgebung wird oft kumulative Effekte genannt. Die kumulativen Effekte bei den Wildrentieren sind messbar in Form von reduziertem Wachstum, reduzierter Reproduktion und Überlebensfähigkeit.