Lebensraumnutzung


Das Wildrentier wird oft als der Nomade des Gebirges bezeichnet. Die Bezeichnung Nomade wird gewöhnlich für Volksgruppen verwendet, die regelmäßig von einem Ort zum andern ziehen, sie trifft jedoch auch auf die Art und Weise zu, wie das Wildrentier seinen Lebensraum nutzt.

Bockherden und Mutterherden

Das Wildrentier in Norwegen lebt in zwei Arten von Herden. Die Bockherden sind kleinere Herden, die hauptsächlich aus Böcken unterschiedlichen Alters bestehen und bis zu 100 Tiere umfassen können. Die Mutterherden, bestehend aus Kälbern, Kühen und Jungtieren, zählen mitunter mehrere hundert Tiere.  

 

Die Bockherden und Mutterherden vermischen sich im Herbst und leben zusammen, bis die Brunft vorüber ist. Danach verlieren die Böcke ihre Geweihe und ihren Status und ziehen in ihren eigenen Herden weiter. Während die Bockherden in größerem Ausmaß die Randgebiete ihres Lebensraums nutzen, halten sich die Mutterherden in zentralen Teilen ihres Lebensraums auf. Dies zeigt sich am deutlichsten im Frühjahr, wenn sich die Kühe in ihre festen Setzgebiete, die meist weit oben in den Bergen liegen, zurückziehen. In dem hügeligen Gelände können sich die einzelnen Kühe einen sicheren Platz zum Kalben suchen. Außerdem sind sie hier einigermaßen sicher vor Raubtieren und können in Ruhe die erste Zeit mit dem Kalb verbringen.

 

Die Bockherden hingegen wählen im Frühjahr eine ganz andere Strategie. Die Böcke suchen die Randgebiete auf, die zuerst fruchtbares und nahrhaftes Weideland bieten. Daher kann man die Böcke oft weit unten in den Wäldern sehen, mitunter auch in der Nähe von Ortschaften und Straßen. Viele sind überrascht, wenn sie Wildrentiere in der Nähe von Ortschaften und Straßen sehen, man darf jedoch nicht vergessen, dass es sich hierbei um Bockherden handelt, die weitaus mehr Störungen ertragen als die scheueren Mutterherden.

”Schutz in der Menge”
Das Wildrentier nutzt das Gelände auf eine ganz andere Art als die anderen Mitglieder der Hirschfamilie. Elch, Hirsch und Reh leben im Wald und bilden selten große Herden. Das Wildrentier hingegen lebt hauptsächlich im Hochgebirge, und zwar in Herden. Die Größe der Herde ist unterschiedlich, von zehn, zwanzig, dreißig Tieren bis zu mehreren Hundert in ein und derselben Herde. Man nimmt an, dass die Herdenstruktur der Wildrentiere eine Form der Anpassung an die Koexistenz mit Raubtieren ist. Dasselbe können wir auch bei anderen Arten beobachten, z. B. bei den Gnus in den Savannen Afrikas. Je mehrere Tiere eine Herde umfasst, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie von Raubtieren angegriffen wird.

 

Die Lebensraumnutzung des Wildrentiers verglichen mit der Lebensraumnutzung anderer Hirscharten. Quelle: Villrein og Samfunn, NINA Temahefte 27

Die Lebensraumnutzung des Wildrentiers verglichen mit der Lebensraumnutzung anderer Hirscharten. Quelle: Villrein og Samfunn, NINA Temahefte 27

Hoher Platzbedarf

Eine Rentierherde von mehreren hundert Tieren benötigt viel Nahrung. Die marginale und unstabile Lebensgrundlage im Gebirge erfordert, dass das Wildrentier in großen Teilen seines Lebensraums wandern muss. Klima, Vegetation und geografische Verhältnisse sind entscheidend dafür, wo das Rentier sich in den verschiedenen Jahreszeiten aufhält. In den größeren Rentiergebieten Norwegens sehen wir, dass die Sommer- und Winterweiden sich im Hinblick auf Schneemengen und Zugang zu Nahrung auf sehr unterschiedliche Gebiete verteilen. Die Winterweiden sind oft schneearme Gebiete mit reichen Vorkommen an Flechten, während die Frühjahrs- und Sommerweiden fruchtbares Weideland sind, auf dem der Schnee früh schmilzt. Davon ausgehend ist anzunehmen, dass weite und zusammenhängende Berggegenden erforderlich sind, um die Lebensbedingungen der Wildrentiere auch in Zukunft zu sichern