Kulturträger


Lange bevor unsere nordischen „Weidegene” sich von den noch erhaltenen „Ackerbaugenen” in Zentraleuropa trennten, bildete das Rentier die wichtigste Lebensgrundlage für unsere europäischen Stammväter. In Norwegen gibt es Wildrentiere, seitdem sich das Inlandeis zurückgezogen hat, seit ca. 10 000 Jahren also. Damals bildete das Rentier die Lebensgrundlage der Jäger, die den in verschiedenen Jahreszeiten von Weide zu Weide ziehenden Herden folgten.

In den südlichen Teilen Frankreichs hat man mehrere Höhlen entdeckt, in denen unsere Vorväter die Fauna, die sie umgab, anhand von Zeichnungen darstellten. In der Grotte Chauvet jedoch gibt es zwei Dinge, die ganz besonders sind. Das erste ist das Alter: Datierungen zeigen, dass die ersten Malereien vor ca. 30 000 Jahren angefertigt wurden. Das zweite sind die wunderschönen Darstellungen des Tieres, das die Hauptnahrung der Künstler ausmachte: In einem der Räume unter Malereien von längst ausgestorbenen Mammuts, Höhlenbären, Wildpferden, irischen Riesenhirschen, Löwen und Urochsen findet man herrliche, naturgetreue Darstellungen vom „norwegischsten“ aller norwegischen Tiere – dem RENTIER. Unterschiedliche archäologische Ausgrabungen haben ergeben, dass die Menschen, die in diesen Gegenden lebten, sich tatsächlich vom Rentier ernährten. Das Rentier war lange Hauptbestandteil ihrer Nahrung, außerdem waren seine Knochen und sein Fell die wichtigsten Rohstoffe für die Herstellung von Werkzeugen und Kleidung.

 

Als das Eis sich nach der letzten Eiszeit zurückzog, folgten ihm die Rentiere. Seitdem sind die Geschichte des Wildrentiers und die Geschichte des Norwegers dicht miteinander verwoben. So, wie unsere Vorväter in Europa sich vor 30 000 Jahren dazu inspirieren ließen, diese Naturressource zu jagen und zu fangen, war dies auch in Norwegen lange Zeiten hindurch Tradition, nachdem das Rentier nach der letzten Eiszeit in den Norden gezogen war.


Fang und Fangmethoden

Um Anhaltspunkte zu finden und sich Informationen über die Wanderungen der Rentiere in den den ursprünglichen Gebieten zu verschaffen, hat man umfassende historische Kenntnisse über die Art der alten Fangsysteme, Umfang, Datierung usw. ermittelt. Kenntnisse über das Zugverhalten der Wildrentiere kombiniert mit der Verwendung von Fanggruben waren vermutlich die wirksamste Fangmethode alle Zeiten hindurch. Die ältesten Spuren der Rentierjagd in Norwegen sind ca. 10 000 Jahre alt. Die meisten Fanganlagen, von denen wir heute noch Spuren erkennen können, stammen allerdings aus der Zeit zwischen 500 und 1350 n. Chr. Diese Fanggruben sowie Reste davon findet man heute überall in den norwegischen Bergen. Man arbeitet kontinuierlich daran, weitere Fanganlagen aufzudecken.

 

Es wird gewöhnlich zwischen in die Erde gegrabenen und gemauerten Fanggruben unterschieden. Die Fanggruben wurden in der Erde und im Kies ausgehoben und mit Holz auf der Innenseite abgestützt. Diese Gruben finden man auf der ganzen „Nordkalotte” (die nördlichen Gebiete Finnlands, Schwedens und Norwegens). Die gemauerten Fanggruben liegen meist höher im Gelände. Hier ist die Kammer aus Stein gemauert. Diese Gruben sind ganz in den Boden eingegraben und teilweise oder bis zur Erdoberfläche ausgemauert. Die Fanggruben sind sowohl einzeln als auch in einem System, bei dem mehrere hundert Gruben nacheinander angelegt sind, anzutreffen. Ein derartiges System können wir heute im Dovrefjell besichtigen, wo man bis jetzt mehr als 1200 Fanggruben zwischen Dombås und Kongsvold entdeckt hat.

Kartierte Fanggruben und andere Fangsysteme in Südnorwegen. Frühere potentielle Lebensräume sind hellbraun gekennzeichnet (Gebirge).

Man hat ausgerechnet, dass eine Fanggrube für Wildrentiere ca. 2 Meter tief, 2 Meter lang und 0,7 Meter breit sein muss. Die Lage der Gruben im Gelände war entscheidend für einen guten Fang, und man verwendete Leitzäune, um den Großteil der Tiere in das Fanggebiet zu führen. Es wurde auch an Flüssen und Seen, die die Tiere durchquerten, Fang betrieben. Man hat uralte Siedlungen an diesen Orten gefunden (z. B. Sumtangen auf dem Hardangervidda).

 
In den letzten Jahrzehnten hat man umfassende Massenfanganlagen, wie man sie bereits aus Amerika kennt, in Südnorwegen entdeckt. Beim Fangen der Tiere verwendete man lange Leitzäune, die die Tiere in eine Einhegung oder eine Art Reuse führten, aus der sie nicht mehr herauskamen. Es wurden auch die eigenen Fanganlagen der Natur in Gebrauch genommen. Beispiele dafür finden wir dort, wo Kluften und Klippen Formationen gebildet haben, die sich für den Fang eignen. Außer den hier genannten Fangmethoden wurde auch mit Pfeil und Bogen Jagd auf Rentiere gemacht, wovon eine Reihe von gemauerten Schießständen im norwegischen Hochgebirge zeugt. Diese befinden sich in der Nähe von Fanggruben und –anlagen, man kann sie jedoch auch an anderen Teilen der Wanderstrecken der Wildrentiere finden.