Biologie


Anpassung der Rentiere

Das Rentier gehört zur Familie der Hirsche, im Gegensatz zu den anderen Hirscharten tragen jedoch bei den Rentieren sowohl Männchen als auch Weibchen Geweihe. Sogar die Kälber haben bereits im ersten Lebensjahr ein Geweih. Die Böcke tragen nicht länger als nötig ein Geweih, nach der Paarung werfen sie es ab. Die Kühe hingegen behalten ihr Geweih bis zur Geburt des Kalbes im Frühjahr. Dies ist eine Form der Anpassung, die den Weibchen eine bessere Wettbewerbsfähigkeit verleiht, wenn sie im Winter und im Frühjahr um die Nahrung kämpfen müssen. Die trächtigen Kühe sind in dieser Jahreszeit auf ausreichende Nahrung angewiesen, damit die Kälber bei der Geburt groß genug sind.

Brunft, Paarung und neues Leben

Geschlechtsreife Renkühe in einem Alter von 1 ½ bis 14 Jahren werden jeden Herbst trächtig. Dies kann jedoch variieren. In Forollhogna ist es vorgekommen, dass 4 Monate alte Renkühe befruchtet worden sind. Die Böcke erlangen ebenso mit 1 ½ Jahren Geschlechtsreife, sie müssen jedoch meist warten, bis sie 3-5 Jahre alt sind, bevor sie an der Paarung teilnehmen dürfen.

 

Gegen Ende August hat die Konzentration an Geschlechtshormonen bei den Böcken ein Niveau erreicht, dass sie aggressiver werden und andere Böcke als Konkurrenten empfinden lässt. Es ist Brunftzeit! Die Böcke sind jetzt bereit, ihr Harem an Kühen anderen Böcken gegenüber zu verteidigen und bringen dafür ihre ganze Energie auf. Die Paarung findet von Mitte September bis Mitte Oktober statt. Der Paarungsakt dauert gewöhnlich nicht mehr als 10 Sekunden, wobei die Kuh sich ganz ruhig verhält. Direkt danach wird der Bock seine Aufmerksamkeit auf andere potentielle „Verehrerinnen” richten, um sich mit so vielen wie möglich zu paaren.

 

Bevor die Kühe im Frühjahr kalben, suchen sie sich Orte, die für das Kalben geeignet sind. In Norwegen sind dies meist Gebiete, die hoch in den Bergen gelegen sind in hügeligem Gelände mit kahlen Stellen. Die Kühe kalben in der Regel im Mai nach einer Tragzeit von ca. 225 Tagen (7-8 Monaten). Der Zeitpunkt des Kalbens ist zwischen den einzelnen Gebieten unterschiedlich und variiert von Jahr zu Jahr. Er ist jedoch unter den Kühen in ein und derselben Herde weitgehend synchronisiert. Das Kalben selbst dauert in der Regel nicht länger als 15-20 Minuten, und nach weiteren 15-20 Minuten versuchen die Kälber bereits, auf die Beine zu kommen. Nach ein paar Tagen kann das Kalb dann seiner Mutter in bessere Weidegegenden folgen.

Das Winterfell des Rentiers ist extrem dick und stark. Im Vergleich zu anderen Hirscharten hat das Rentier mit 700 Haaren/cm² im Winterfell dreimal so dickes Deckhaar. Darüber hinaus hat es eine Schicht mit Unterwolle. Das dicke Fell isoliert äußerst wirksam gegen Wind, Regen und Schnee, auf dem das Rentier oft im Winter liegt.  Das Rentier hat 4 tief gespaltene Klauen, die wie „spezialgefertigte" Schneeschuhe fungieren. Es kann sich somit leicht im Winter im tiefen Schnee und im Sommer im Moor fortbewegen, außerdem kann es damit im Schnee graben.

 

Der Geruchssinn ist beim Rentier besonders gut entwickelt. Die Geruchsdrüsen z. B werden in hohem Ausmaß für die Verständigung verwendet. Dank ihres guten Geruchssinnes können die Tiere im Winter Flechten in einer Tiefe von bis zu 60 cm unter der Schneedecke finden.


Wovon ernährt sich das Wildrentier?

Dass das Rentier sich im Winter von Flechten ernährt, ist eine seiner bezeichnenden Eigenschaften. Flechten enthalten leicht lösliche Kohlenhydrate und sind daher sehr nahrhaft. Sie eignen sich jedoch nicht für das Wachstum aufgrund ihres Mangels an Proteinen. Im Winter zieht das Rentier Strauchflechten (Cladonia stellaris und Cetraria nivalis) vor. Wenn es jedoch keinen Zugang zu diesen Flechtenarten hat, frisst es auch andere Flechtenarten, Blätter und Pflanzen mit niedrigerem Nährwert. Das Rentier ist in keiner Weise abhängig von Flechten, wenn es Zugang zu anderer Nahrung durch andere Weidepflanzen hat. Dies hat man z. B. bei ausgesetzten Rentieren auf Südgeorgien gesehen. Hier ernähren sich die Rentiere fast ausschließlich von Gras, da es kaum Flechten auf der Insel gibt. Dieser Stamm hat seit 1909-1925, dem Zeitraum, in dem er hier ausgesetzt wurde, zwei lebensfähige Bestände entwickelt. Ebenso auffallend im Winter ist, dass die Rentiere mitunter an alten Geweihen, die auf dem Boden liegen, nagen, oder dass sie an Geweihen von anderen Tieren nagen. Die Forscher sind sich nicht sicher, was die Ursache dafür ist. Man geht jedoch davon aus, dass die Rentiere damit den Mangel an Mineralien und Nährstoffen ausgleichen, die in der Winternahrung nur in geringem Maß enthalten sind.

 

Um sich genügend Proteine für das Wachstum und die Fortpflanzung zu verschaffen, benötigt das Rentier Zugang zu keimenden Grünpflanzen. Diese findet es dort, wo der Schnee im Frühjahr und im Vorsommer schmilzt. Das Rentier folgt der grünen Welle die Berge hinauf, um stets an die frischesten Pflanzen zu kommen und sich damit soviel Proteine wie möglich, die für das Wachstum erforderlich sind, zu verschaffen. Während das Rentier in der Lage ist, im Winter 30-40 % der aufgenommen Pflanzennahrung zu verdauen, kann es 70-80% oder mehr von der aufgenommenen Nahrung im Frühjahr verwerten. Dies wirkt auf das Wachstum der Tiere im Laufe des Sommers und des Herbsts ein.

 

In dieser Jahreszeit frisst das Rentier verschiedene Arten von Kräutern und Pflanzen, die im Gebirge wachsen. Es frisst auch Blätter von Büschen wie Zwergbirke (Betula nana) und Zwergweide (Salix spp.). Beispiele für solche Pflanzen sind der Knöllchen-Knöterich (Bistorta vivipara), die Drahtschmiele (Deschampsia flexuosa) sowie verschiedene Arten von Riedgräsern. Ein anderes, besonderes Phänomen im Frühjahr ist, dass das Rentier, wenn es sich hinsichtlich des Mangels an Nahrung bedrängt fühlt, äußerst ungewöhnliche Nahrung in Form von kleinen Nagetieren und Vogeleiern aufnimmt. 


Im Herbst enthalten Pilze wichtige Nährstoffe. Das Rentier unternimmt dann bisweilen lange Wanderungen bis hinunter in die Birkenwälder, um nach Pilzen zu suchen. In dieser Jahreszeit kann man Rentiere an Orten antreffen, an denen sie sonst nicht zu finden sind.